Versuch einer Erklärung
Der Amoklauf ist bestimmt keine Krankheit. Aber man fragt sich schon, ob nur ein krankes Gehirn darauf verfallen kann, unschuldige und wehrlose Menschen, die der Täter oft gar nicht kennt, zu töten. Bei den Gerichtsprozessen, wenn es denn dazu kommt, ist auch immer ein Psychiater anwesend, der die Frage beantworten soll, ob der Amokläufer geistig gesund oder krank ist. Aber ob krank oder gesund, man möchte doch gern wissen, was in so einem Menschen vor sich geht. Was denkt er, was fühlt er?
Der Norweger Breivik, der am 22. Juli 2011 erst 8 dann 66 Menschen umgebracht hat, hatte wohl einen Verfolgungswahn, eine Paranoia wie die Psychiater das nennen. Er hatte die Überzeugung, dass Marxisten und Moslems Europa unterwerfen würden und dass ein Tempelritterorden, dem er angehöre, Europa „befreien“ würde. Es gibt Psychiater in Norwegen, die bestreiten, dass Breivik krank ist. Aber eine entscheidende Rolle spielt das gar nicht. Auch wenn er krank ist, folgt daraus nicht zwangsläufig, dass er kaltblütig 66 Jugendliche, die weder Marxisten noch Moslems waren, erschießt. Die Morde sind Ausdruck eines zerstörerischen Hasses, der von Breivik zwar mit seinen verrückten Vorstellungen begründet wird, der aber noch eine andere Quelle haben muss.
Das Wort „Amok“ kommt aus Malaysia (und heißt: in blindem Zorn töten), aber es gibt Amokläufe in allen Kulturen. Der Amokläufer tötet in einer Aktion Menschen, die er kennt oder auch nicht kennt, und tötet sich am Ende selbst. Manche haben eine Paranoia, wie z. B. Breivik oder der Mann, der 1960 in Köln mit einem Flammenwerfer 8 Kinder, danach noch zwei Lehrerinnen, getötet hat, bevor er sich vergiftete. Andere, wie z. B. der 18 jährige Schüler, der 2002 in Erfurt 12 Lehrer und 4 weitere Menschen, dann sich selbst tötete, hatte wohl keine. Auch nicht der 17 Jährige, der 2009 in Winnenden 12 Menschen tötete, bevor er sich umbrachte.
Wir wissen wenig darüber, welche Faktoren in einem Menschen den Entschluss reifen lassen, einen Amoklauf zu begehen. Es scheint aber so, dass die Fälle, in denen viele Menschen attackiert werde, länger geplant wurden. Darauf deutet hin, dass die Waffen und die Orte des Tötens vorher ausgesucht wurden. Das zweite, was wir wissen, ist, dass dem Amoklauf eine Kränkung vorangeht. So haben die beiden erwähnten Schüler Lehrer getötet, weil sie sich durch die Schule gekränkt fühlten. Was Breivik als Kränkung erlebte, ist schwerer auszumachen, weil er das in seinem wirren Kopf zu einer abenteuerlichen Idee umgeformt hat. Wenn das psychiatrische Gutachten über ihn mal veröffentlicht ist, wird man die Frage besser beantworten können. – So dürftig diese Erkenntnisse auch sind, lassen sie doch den Schluss zu, dass es sich beim Amoklauf um Rache handelt. Aber was ist Rache und welchen Sinn hat sie aus der Sicht des Täters?
Die christliche Ethik lässt Rache nicht zu. „Die Rache ist mein, spricht der Herr.“ heißt es im Brief des Apostel Paulus an die Römer. Rache ist nur Gott selbst erlaubt, der in der Bibel ja oft auch der rächende Gott genannt wird. Ähnlich äußert sich der Koran.
Aber Rache war nicht immer so verpönt. Der „göttliche Held“ der alten Griechen, Achilles, schlachtet 12 unschuldige Jünglinge aus Troja bei der Totenfeier für seinen Freund Patroklos. Das war seine Rache dafür, dass der Freund von dem Trojaner Hektor im Kampf getötet worden war. In der germanischen Nibelungensage lockt Krimhild Tausende von Krieger in eine Falle und lässt sie in einem entsetzlichen Gemetzel, dem schließlich auch sie selbst, ihr kleiner Sohn und ihre Brüder zum Opfer fallen, töten, um den Mord an ihrem Mann Siegfried zu rächen. Es gibt auch die kleine Rache, wenn z. B. eine Frau, die von ihrem Mann verlassen wird, nie mehr mit ihm spricht oder ihm die gemeinsamen Kinder vorenthält. Und die Selbstmordattentate der islamischen fundamentalistischen Sekten, sind es nicht Amokläufe mit Dynamit? Da rächt sich nicht ein einzelner, sondern die ganze Sekte.
Rache, das klingt so böse, und wir können so gar nichts Positives damit verbinden. Und doch kann man der Rache auch einen Sinn geben. Sie ist der Versuch, nach der Kränkung die Würde wieder herzustellen. Als er die Kränkung des anderen hinnehmen musste, war er ohnmächtig und hilflos, in der Rache kann der Amokläufer über den anderen triumphieren. Dass er am Ende sich selbst umbringt, zeigt allerdings, dass sein Triumph nur begrenzt ist. Durch die Tötung anderer wird er nicht wirklich stark. Im Gegenteil muss er jetzt selbst Rache fürchten. Daraus kann leicht eine Spirale wechselseitiger Gewalt entstehen, der der Amokläufer durch den eigenen Tod entgeht. So ist es nur ein kurzer Triumph, dass er der Herr über Leben und Tod anderer ist, mit dem der Amokläufer von seinem Entschluss bis zur Ausführung der Tat lebt. Selbst wenn mächtige Herrscher oder der Staat Rache üben, müssen sie in der Furcht leben, dass irgendwann auch sie die Rache ereilt. Nur Gott kann wirklich ungestraft Rache nehmen.
Der Amoklauf kommt nicht aus heiterem Himmel. Er entsteht aus einer Kränkung und ist der verzweifelte, wenn auch zugleich verbrecherische Versuch, durch Rache die eigene Würde wieder herzustellen. Darum sendet der Amokläufer vorher feine Signale aus, dass er Gewalt anwenden wird. Wir werden die Signale leichter verstehen und die Gefahr besser erkennen, wenn wir bereit sind zu verstehen, woraus sie entstanden ist.