
Während der Geburt wird das Kind noch durch die Nabelschnur mit allem versorgt. Sobald es geboren ist, muss es sich sehr schnell den Sauerstoff selbst besorgen, durch Atmen.
Thorsten kommt selten in meine Praxis. Er ist nicht viel krank. Er ist Mitte 30, aber ich duze ihn, weil ich ihn von seiner Geburt an kenne. Und das kam so: Als junger Arzt habe ich zeitweise auch im Kreißsaal gearbeitet. In den ersten Wochen bestand meine Aufgabe darin, bei den Frauen, die zur Geburt kamen, die Anamnese zu machen – wenn noch Zeit dazu war. Anamnese heißt die Vorgeschichte.
So saß ich neben einer Frau, die schon Wehen hatte, am Bett und befragte sie.
„Wie viel frühere Geburten gab es ?“
„Fünf.“
„Wann waren die?“
„Das erste bekam ich mit 21, dann nach 2 Jahren den Rudi, drei Jahre später Maria, wieder drei Jahre später Benedikt, nach wieder drei Jahren Elisa. Das liegt jetzt 2 Jahre zurück.“
„Gab es unter einer Geburt Probleme?“
„Nein, alles glatt verlaufen. Die erste Geburt war etwas schwierig. Sie hat lange gedauert.“
Die Hebamme kam herein und hörte nach den Herztönen des Kindes. Die waren in Ordnung, also ging es dem Kind gut. Dann tastete sie den Bauch ab. Die Wehen kamen schon häufig. In regelmäßigen kurzen Abständen wurde die Gebärmutter, wie man fühlen konnte, hart. Durch die Scheide fühlte die Hebamme mit einem Finger auch nach dem Muttermund.
„Der ist ja schon fast ganz offen. Es wird wohl nicht mehr lange dauern“, meinte sie.
Durch die Wehen, die sogenannten Eröffnungswehen, wird das Kind von der Gebärmutter nach unten gedrückt, so dass sich der Muttermund, das ist die Öffnung der Gebärmutter zur Scheide hin, weitet. Während der Schwangerschaft ist der Muttermund geschlossen. Das sieht ungefähr so aus, wie ein Mund, den man zum Flöten rundet und dann zusammen presst. Wenn er offen ist, dann ist auch ähnlich wie ein Mund, den man ganz weit öffnet. Der Name „Muttermund“ ist also ganz passend. Zu mir sagte die Hebamme:
„Wenn es richtig los geht, sagen Sie sofort Bescheid. Das geht bestimmt alles schnell. Die Mutter ist ja noch jung, so viele Geburten in so kurzen Abständen. Da ist der Körper geschmeidig, der Geburtskanal weitet sich ohne große Widerstände.“
Und zu der Frau gewandt: „Wie war es mit den Presswehen beim letzten Mal?“ Presswehen sind die Wehen, mit denen das Kind, wenn der Muttermund offen ist, heraus gedrückt wird. Da macht die Frau aktiv mit, indem sie presst. Das ist auch die Phase, in der die Frauen oft schreien, nicht nur, weil es weh tut, sondern auch wegen der Anstrengung.
„Ich glaube, nach zwei mal Pressen war das Kind schon da gewesen“, antwortete die Frau.
Die Hebamme verließ uns, ich fuhr mit meinen Fragen fort.
„Wie lagen die Kinder?“
„Alle mit dem Kopf voran, wie es am besten ist.“
„Was war mit den Kindern nach der Geburt?“
„Kein Kind hatte Schwierigkeiten. Sie leben alle quietschvergnügt.“
„Wann war die letzte Regel?“
Sie gab ein Datum an.
Ich rechnete. „Also die 39. Woche?“
„Ja, so hat es mein Arzt auch ausgerechnet.“
„Gab es Probleme in der Schwangerschaft?“
„Zwischenzeitlich hatte ich schon mal Übelkeit, aber nicht viel. Zuletzt hatte ich Probleme mit dem Stuhlgang. Ich habe Verstopfung.“
So saß ich da und fragte die Frau nach allem, was bei einer Geburt interessant werden könnte. Noch viel genauer und ausführlicher, als ich es hier wiedergeben kann.
Da sagte die Frau zu mir:
„Herr Doktor, ich glaube, es ist schon da.“
Ich schlug die Decke zurück. Zwischen den Beinen der Frau lag das sechste Kind, noch an der Nabelschnur und es atmete. Ich rief nach der Hebamme. Es war alles o. k. Etwas später kam die Nachgeburt, also der Mutterkuchen (Plazenta), und in den Armen der Mutter lag der frisch gewickelte Säugling.
Die Eltern gaben ihm den Namen Thorsten. Heute ist er mein Patient.