Frau Rose ist eine hübsche Frau, so Mitte dreißig. Ich freue mich, wenn sie kommt, weil sie eine bezaubernde Ausstrahlung hat. Sie ist nicht viel krank, aber vor einiger Zeit klagte sie über Kopfschmerzen. Als ich wegen der Stirnhöhlen ihren Kopf untersuchen wollte, sagte sie: „Moment mal“ und nahm ihre Perücke ab. Ich war überrascht, sie hatte kaum noch echte Haare auf dem Kopf. „Dass Sie eine Perücke tragen, habe ich nicht bemerkt“, entfuhr es mir.
Oft werde ich von meinen Patienten auf dieses Problem nicht angesprochen. Manchmal nur bemerke ich, wie es sie bewegt, wenn ihnen die Haare ausfallen. Bei den Männern ist es typischerweise vorne an der Stirn zuerst sichtbar, schließlich bleiben nur die Haare im Nacken und am Hinterkopf, etwas auch an den Seiten. Manche haben es schon mit Ende zwanzig, manche Männer erst mit fünfzig und bei manchen ist auch noch mit achtzig keine richtiger Glatze entwickelt. Bei den Frauen beginnt es viel später und die Haare fallen ihnen gleichmäßig am ganzen Kopf aus, so dass man mehr und mehr die Kopfhaut darunter sieht. Genau genommen ist es kein Haarausfall. Jedes Haar fällt nach einigen Jahren aus, ist gewissermaßen verschlissen. Am Tag sollen es bis zu 100 sein. Aber normalerweise wächst dann ein Neues schnell genug nach. Wenn das nicht geschieht, entstehen kahle Stellen. Es ist wohl erblich festgelegt, wie schnell sich die Haare bei einem Menschen lichten.
Gegenwärtig laufen intensive Forschungen über die Gründe dieser Art von Haarausfall. Vielleicht wird man ja in nächster Zeit ein Mittel dagegen finden.
Es gibt Haarausfall, der nur vorübergehend ist. Wenn der Haarausfall plötzlich geschieht und auf runde Areale am Kopf beschränkt ist, wachsen die Haare meist nach einiger Zeit von alleine wieder nach. Die Ärzte nennen das Alopecia areata. In bestimmten Fällen wird der Hautarzt diese Art Haarausfall mit Cortison behandeln. Auch jede ernste Krankheit, jedes Medikament kann unter bestimmten Umständen zu Haarausfall führen. Ist diese Krankheit behoben, kommen die Haare in der Regel wieder. Bei einer Chemotherapie ist es z.B. so.
Bei Frau Rose war es keine dieser Arten von Haarverlust. Es ist selten, aber manche Frauen verlieren in jungen Jahren aus unbekannten Gründen ihre Kopfhaare völlig, ohne dass man etwas daran ändern kann.
„Ich habe alle Medikamente und Pflegemittel versucht“, sagte mir Frau Rose. „Dann habe ich den Bericht von der Stiftung Warentest gelesen und mein Geld besser angelegt. Alle Pflegemittel und Medikamente haben in Tests versagt. Eine Haartransplantation kommt bei mir nicht in Frage, weil ich nicht mehr genug Haare habe, die transplantiert werden könnten. Es gibt gute Perücken und es gibt pfiffige Formen von Toupets. Man muss sich da genau informieren. Schließlich tragen wir auch falsche Zähne, wenn die eigenen kaputt sind. Ich habe genug andere gute Eigenschaften, findet mein Mann. Z. B. auf meine Figur achte ich sehr, muss ich zugeben.“ Das war die einfache Logik von Frau Rose.
Frau Rose hatte sich auch gut informiert – übers Internet, wie sie mir verraten hatte. Haartransplantation kann man nur machen, wenn es noch genug Kopfhaare gibt. Z. B. lassen sich bei Männern Haare aus dem Nackenbereich in die kahlen Stellen verpflanzen. Da jedes Haar einzeln umgesetzt werden muss, dauert eine solche Operation oft den ganzen Tag oder noch länger und kostet darum viele tausend Euro.
Frau Rose hatte Recht. Natürlich ist es nicht gleichgültig, ob man Haare auf dem Kopf hat oder nicht. Es ist schöner, wenn man sie hat und in der Regel haben es die Schönen in vielerlei Hinsicht leichter. Aber Frau Rose hatte gemerkt, was ich als Arzt wusste. Es gibt keinen Menschen, auch nicht unter denen, die in der Öffentlichkeit schön, reich und glücklich erscheinen, der nicht mit einem Mangel kämpfen muss. Es kommt also mehr darauf an, diesen Mangel wett zu machen. Das ist bestimmt nicht leicht, aber Frau Rose ist das anscheinend gelungen. Vielleicht war sie sogar wegen ihrer Haarprobleme besonders charmant zu den Menschen – und gewann so deren Herzen.
Behandlung Bislang gibt es kein sicheres Mittel gegen Haarausfall. Transplantation ist manchmal möglich, aber sehr teuer. In vielen Fällen, besonders bei Frauen und wenn der Haarausfall durch Krankheit bedingt ist, wachsen die Haare nach einiger Zeit wieder normal.
Schöner Bericht.
Haarausfall ist ein Thema das betroffene Menschen sehr beschäftigt. Wenn jemand allerdings lernt damit zu leben und trotzdem glücklich zu sein ist dies wohl die Beste aller Alternativen.