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Kopfschmerzen

Das Gehirn selbst tut nicht weh. Scherzempfindlich sind der Schädel, die Hirnhaut und die Gehirngefäße.

Herr Gerstenbach hat eine große Leidenschaft, das ist  American Football. Einmal hat er es fertig gebracht, dass ich mir ein Spiel angeschaut habe und ich war sehr beeindruckt von den jungen Spielern, wie sie – in ihren Rüstungen jeder ein Kleiderschrank – aufeinander losgingen. Aber genau genommen, ist es nicht der Football, um was es Herrn Gerstenbach wirklich geht, sondern es sind seine Jungens. Die meisten sind ja ganz solide, aber viele kommen aus schwierigen Elternhäusern, wie mir Herr Gerstenbach erzählte. Für die ist der Sport und die Integration im Verein oft die Rettung vor der schiefen Bahn.

Herr Gerstenbach leidet häufig an Kopfschmerzen. Die hat er schon seit mindestens 20 Jahren. Dazu ist Herr Gerstenbach ein wenig hypochondrisch, das heißt er denkt jedes Mal, dass seine Kopfschmerzen Ausdruck einer schweren Krankheit sind.

„Könnte es ein Hirntumor sein?“ fragte er, als er mal wieder ein paar Tage sehr darunter gelitten hatte.
„Ein Hirntumor wächst. Sie haben die Kopfschmerzen schon seit 20 Jahren, aber immer lange Zeit Ruhe dazwischen. Bei einem Hirntumor wäre das sehr unwahrscheinlich. Außerdem hätten sie dann höchstwahrscheinlich noch andere Symptome, z. B. eine Lähmung oder epileptische Anfälle oder sonst was. “
„Vielleicht ist mir eine Ader im Kopf geplatzt“, meinte er ein andermal.
„Dann könnten Sie hier nicht sitzen, sondern wären schwer krank. Sie sollten nicht so viel im Internet nach möglichen Krankheiten suchen, die Kopfschmerzen machen. Es gibt mehr als hundert Möglichkeiten.“ Aber das hätte ich besser nicht gesagt. Ich ahnte, dass Herr Gerstenbach nun nicht eher Ruhe geben wird, bis er alle möglichen Ursachen gefunden hat. Und mich wird er damit löchern.

Es gibt viele mögliche Ursachen für Kopfschmerzen: Fieber, Anstrengung, Medikamente, Verletzung der Halswirbelsäule, Kopfverletzungen, Hirntumoren, Erkrankungen der inneren Organe, Zahnprobleme, unkorrigierte Fehlsichtigkeit, Depression, Stirnhöhlenentzündung, menstruelle Beschwerden usw. Wenn man in diesen Fällen die Ursache beseitigt, ist auch der Kopfschmerz weg. Das heißt, der Kopfschmerz ist in diesen Fällen nur ein Symptom. Aber er ist mit so vielen anderen Beschwerden verknüpft, dass man vom Kopfschmerz nicht so ohne weiteres auf die Ursache schließen kann.

Es gibt auch Formen von Kopfschmerzen, für die man (noch) keine Ursache weiß. Sie sind gewissermaßen selbst die Krankheit. Drei Formen werden unterschieden: Spannungskopfschmerz, Migräne, Cluster Kopfschmerz. Alle sind chronisch in dem Sinne, dass die Betroffenen oft viele Jahre darunter leiden, manchmal ein Leben lang. Manchmal aber verschwinden sie plötzlich oder treten seltener auf oder in milderer Form.

Die Kopfschmerzen von Herrn Gerstenbach sind dem Spannungskopfschmerz zuzurechen, die die weitaus häufigste Form ist. Er hatte sie in leichter oder mittlerer Stärke, nicht ständig, aber mit Abständen immer wieder tagelang. Meistens war der ganze Kopf betroffen, manchmal aber waren sie mehr hinten oder mehr im vorderen Bereich. Normalerweise nahm Herr Gerstenbach keine Medikamente. Er ging damit auch arbeiten und wenn er beim Training mit seinen Jungens war, vergaß er sie. Nur in seltenen Fällen waren Schmerzmittel nötig.

Herr Gerstenbach will jedes Mal wissen, warum ich ihn nicht gründlich untersuche, z. B. ein CT vom Kopf mache oder die Hirnströme messe usw. Wenn wir bei den 70% aller Menschen in Mitteleuropa, die irgendwann mal Kopfschmerzen haben, diese Untersuchungen machten, würden wir mehr Unheil anrichten als Nutzen stiften; abgesehen davon, dass es nicht bezahlbar wäre. Nein, ich verlasse mich da auf anderes. Wenn der Kopfschmerz plötzlich auftritt oder ganz heftig ist oder von anderen Symptomen begleitet wird, wie z. B. Tränenfluss, Sehstörungen, Lähmungen oder überhaupt nicht mehr weggehen will, dann ist das ein Grund für eine eingehendere Untersuchung.

Herr Gerstenbach wird wohl besorgt bleiben, wenn er mal wieder Kopfschmerzen hat. Dann kommt er zu mir und ich beruhige ihn. Das hält einige Zeit vor.

Ich hab auch mal gefragt, was denn seine Frau dazu sagt, dass er so oft von zu Hause weg und bei seinem Verein ist. „Fast wäre sie mir weggelaufen“, meinte Herr Gerstenbach, „aber dann ist sie mitgegangen und jetzt sind ihr meine Jungens fast noch wichtiger als mir.“

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