Es war ein schöner Sommerabend, als eine Frau in den mittleren Jahren notfallmäßig zu mir kam. Sie habe Schmerzen im Rücken. Sie kenne das, sagte sie, es sei der Ischias. Seit vielen Jahren habe sie immer mal wieder Ischiasbeschwerden. Es sei zwar jetzt noch nicht so schlimm, aber es könnte in der Nacht schlimmer werden und sie wolle mich dann nicht, wenn es doch schon Schlafenszeit wäre, stören müssen.
Ich untersuchte die Patientin und fand die typischen Zeichen für einen „Hexenschuss“, wie er zustande kommt, wenn Nerven, die aus der Wirbelsäule austreten, durch Verkantung der Knochen gedrückt werden. Ich riet ihr zu Wärme, erklärte ihr, wie sie ein paar Körperübungen machen solle, schrieb ihr ein Rezept für Schmerzmittel auf und verabschiedete sie. Ich saß hinter meinem Schreibtisch, noch mit dem Rezeptblock, und sah, wie sie zur Tür ging. Und da fiel mir auf, dass sie beim Gehen etwas schwankte. Das hat aber mit dem Ischiasnerven nichts zu tun! Das ist entweder der Kreislauf oder das Gehirn. Ich rief sie zurück und untersuchte sie etwas gründlicher. Ich fand nichts bis auf einen harten Knoten, der in der rechten Schlüsselbeingrube zu tasten war. Das konnte nur ein Lymphknoten sein. Aber warum war er vergrößert und dabei so hart? Die Lymphknoten in der Schlüsselbeingrube werden von der Lymphe, die in den Lymphgefäßen aus der Lunge kommen, durchströmt. Wenn es also in der Lunge eine Entzündung gibt, sind sie geschwollen, wenn es dort eine Krebsgeschwulst gibt, fangen sich im Lymphknoten Krebszellen, durchwachsen ihn, so dass er größer und hart wird.
Für Montag habe ich sie dann bestellt und sie eingehend befragt. Sie habe in letzter Zeit öfter husten müssen. Besonders gut habe sie sich auch nicht gefühlt. Aber das habe sie sich als eine verschleppte Grippe erklärt. Leicht abgenommen habe sie auch, was ihr sehr gefallen habe. Ja, und rauchen würde sie seit ihrer Jugend. Ich habe eine Röntgenaufnahme der Lunge machen lassen. Das Ergebnis war schlecht. Es fand sich in der rechten Lunge, ziemlich in der Mitte, etwas, was wie eine Geschwulst aussah. Der Röntgenarzt hatte den Verdacht, dass es sich um Lungenkrebs (Bronchialkarzinom) handelte. Aber die Frau war mir ja dadurch aufgefallen, dass sie schwankte. So wurde auch der Kopf geröntgt, und es fanden sich im Gehirn tatsächlich schon kleine Tochtergeschwülste. Die Diagnose war nun klar. Es handelte sich um Krebs mit Tochtergeschwülsten (Metastasen) in Lymphknoten und Gehirn. Möglicherweise gab es auch Metastasen in der Wirbelsäule, die zu den Ischiasbeschwerden geführt hatten. Aber das Röntgenbild ergab keine Hinweise für Metastasen in der Wirbelsäule. Also hatte der Hexenschuss mit dem Krebs nichts zu tun. Der Lymphknoten in der Schlüsselbeingrube wurde entfernt und untersucht. Die Untersuchung des Gewebes zeigte Krebszellen, die wie ein Bronchialkarzinom aussahen.
Wenn man Metastasen entdeckt, dann kann man so gut wie immer davon ausgehen, dass die Krebszellen schon überall im Körper sind. Was man sieht, sind die Absiedlungen, die schon gewachsen sind. Eine Operation, die den Tumor heraus schneidet, kann also das Leben nicht retten. Eine Bestrahlung des Tumors mit Röntgen- oder radioaktiven Strahlen, die so stark sind, dass sie das Krebsgewebe abtöten, kann den Tumor oder seine Metastasen vorübergehend verkleinern, aber die Krebszellen in nicht bestrahlten Körperteilen wachsen weiter. Wenn man den ganzen Körper bestrahlte, würden auch die gesunden Körperzellen absterben. Helfen kann eine Chemotherapie, also ein Medikament, dass die Krebszellen abtötet, aber das gesunde Gewebe schont. Wenn man ein solches Medikament hat, würde es sich unter Umständen auch lohnen, den großen Tumor heraus zu operieren. Aber bei meiner Patientin war die Sache schon zu weit fortgeschritten und die Krebszellen waren auch nicht empfindlich gegen die bekannten Mittel, wie ein Test ergab. Sie war nicht zu retten.
Als ich über die Diagnose Gewissheit hatte, bestellte ich die Patientin wieder ein. Ich wollte ihr die Wahrheit sagen. Aber als die hübsche Frau vor mir saß und mich erwartungsvoll anschaute, spürte ich, dass sie von der tödlichen Krankheit nichts wissen wollte. Sie nahm meinen Bericht gelassen auf, ohne eine Frage zu stellen.
Die Metastasen im Gehirn wurden bestrahlt, aber sie wuchsen trotzdem sehr schnell. Die Patientin wurde erst euphorisch, dann sehr benommen und schließlich schlief sie fast den ganzen Tag. Dann starb sie. Von der Familie hörte ich, dass sie bis zuletzt gut gelaunt war. Bestimmt hat sie geahnt, wie es um sie stand. Aber sie hat es erfolgreich verdrängen können und so aus der Zeit, die sie noch hatte, mit ihrer Familie das Beste gemacht.
Behandlung Operative Entfernung, Bestrahlung, Chemotherapie