Meine Sprechstundenhilfehilfe sah, wie schlecht es Herrn Eilig ging und ließ ihn vor den anderen in mein Sprechzimmer. Er hatte Fieber um die 40 Grad, fühlte sich ganz elend und hustete. Er meinte, dass es irgendwie schlimmer sei als eine Grippe. Es habe vor drei Tagen angefangen. Ich hörte ihn mit dem Stehtoskop (dem Hörschlauch) ab. Beim Atmen brodelte es leise über der rechten unteren Lunge. Das hörte sich an wie eine Lungenentzündung, die durch Bakterien verursacht war. Ich schickte ihn zum Radiologen, der im selben Haus seine Praxis hat. Das Röntgenbild bestätigte meine Diagnose. Eine Lungenentzündung (Pneumonie), wie sie Herr Eilig hatte, ist heute eher selten.

Es gibt eine rechte und eine linke Lunge; der Arzt sagt Lungenflügel.
Ich verschrieb ihm ein Antibiotikum. Zusätzlich sollte er eine Tablette Paracetamol nehmen, wenn er zu starke Kopfschmerzen bekäme oder sich allzu elend fühle. Er soll unter allen Umständen die nächsten Tage im Bett bleiben. Er soll soviel abhusten, wie er könne, am besten in Bauchlage, dann kommt der Auswurf leichter raus. Durch das Fieber verliert er viel Flüssigkeit, darum soll er im Laufe eines Tages mindestens zwei Liter zu sich nehmen. Zur Toilette soll er aufstehen, um den Kreislauf in Gang zu halten. Aber aufstehen soll er vorsichtig und sich bei Schwindel sofort hinsetzen, denn es könne passieren, dass der Blutdruck kurz absackt und er hinfällt.
Die Sprechstundenhilfe nahm noch Blut ab und dann nichts wie ab mit dem Taxi nach Hause ins Bett. Herr Eilig lebte in Scheidung, darum alleine. Aber seine Schwester könnte für zwei, drei Tage bei ihm bleiben. Morgen würde ich einen Hausbesuch bei ihm machen. Wenn es dann nicht besser ist, muss er ins Krankenhaus; denn mit einer Lungenentzündung ist nicht zu spaßen.
Die Lunge besteht aus vielen kleinen Bläschen. In der Wand der Bläschen verlaufen kleine Blutgefäße. Wenn die Luft eingeatmet wird, wandert der Sauerstoff aus der Luft durch die dünne Bläschenwand in die kleinen Blutgefäße hinein und wird dort von den roten Blutkörperchen gebunden, die ihn in den Körper transportieren. Bei einer Entzündung, die durch Bakterien verursacht ist, bildet sich in den Bläschen Flüssigkeit, schließlich Eiter. Die Flüssigkeit verstopft die Bläschen, die nun nicht mehr für die Sauerstoffaufnahme zur Verfügung stehen. Man hört das leise Brodeln beim Atmen und sieht im Röntgenbild, dass die Lunge an den entzündeten Stellen nicht Luft sondern Flüssigkeit enthält. Bei Herrn Eilig war nur der untere Teil der rechten Lunge befallen. Wenn aber schließlich die ganze rechte und linke Lunge betroffen sind, führt das zwangsläufig zum Tode, weil nicht mehr genug Sauerstoff aufgenommen werden kann. Früher ist das nicht selten geschehen. Heute ist das selten, weil man mit den Antibiotika die bakterielle Entzündung stoppen kann. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Bakterien nicht immun sind gegenüber dem verordneten Antibiotikum, man sagt: nicht resistent sind.
Wenn ich mir der Diagnose bei Herrn Eilig auch sicher war, so konnte ich nicht wissen, gegen welches Antibiotikum die Bakterien empfindlich waren. Ich hatte Herrn Eilig gebeten, noch in der Praxis etwas Auswurf abzuhusten, den wir in einem sterilen Röhrchen sofort ins Labor schickten. Dort sollte untersucht werden, welche Bakterien es waren und gegen welches Antibiotikum sie empfindlich sind. Aber das Ergebnis würde ich erst nach drei Tagen haben. Die Zeit durfte ich nicht verstreichen lassen. Also verordnete ich Herrn Eilig ein Antibiotikum, von dem ich wusste, dass es in den meisten Fällen bei einer Lungenentzündung hilft. Wenn es nicht anschlagen würde, wüsste ich wahrscheinlich schon am nächsten Tag, welches doch wirken würde.
Als ich Herrn Eilig am nächsten Tag zu Hause besuchte, war das Fieber schon knapp unter 39 Grad. Also schlug das Antibiotikum an. Herr Eilig machte auf meine Anordnung so weiter und nach einer Woche war er zwar noch ziemlich schlapp aber fast fieberfrei. Nach zwei Wochen wollte wieder arbeiten gehen. Aber ich überzeugte ihn, dass er eine weitere Woche Rekonvaleszenz, also Erholung brauchte; denn, wie gesagt, mit einer Lungenentzündung ist nicht zu spaßen.
Herr Eilig war mir sehr dankbar, obwohl ich nichts besonderes geleistet hatte. Die Diagnose war leicht und die Behandlungsstrategie üblich. Er erzählte mir später einmal, dass er nach der Trennung seiner Frau wie ein Hund gelitten habe. „Die Lungenentzündung passte irgendwie dazu. Ich wäre damals am liebsten gestorben.“