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Psychose – mein Sohn kifft

Jede Einzelheit in den Krankengeschichten von Gesundheitsthema stellt eine wissenschaftlich gesicherte Erkenntnis dar. Insofern ist in diesen Geschichten nichts zufällig, sie vermitteln das aktuelle Wissen der Medizin über das Krankheitsbild. - Lediglich Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig.

Symptome

Frau Maier ist seit langem meine Patientin. Immer wieder mal, wenn sie bei mir war, erwähnte sie auch kurz ihren älteren Sohn. Er machte ihr offensichtlich Kummer. Aber wenn ich nachfragte, mehr wissen wollte, meinte sie nur: „Da kann man ohnehin nichts machen“, und war nicht zu bewegen, genaueres zu erzählen.

Das ist die Frage, die sich ein psychotischer Mensch stellt.

Aber eines Tages brach es doch aus ihr heraus. „Er kifft und hat schlechte Freunde. Aber eigentlich hat er gar keine Freunde mehr. Da ist nur noch der Lorenz, und der kifft genau so. In der Schule war er früher immer gut, jetzt geht er gar nicht mehr hin.“ Es war Sprechstunde, das Wartezimmer war voll. Ich bestellte Frau Maier für den nächsten Tag. Da hatte ich mir die Zeit für längere Gespräche eingerichtet.

„Er kifft und sitzt den ganzen Tag in seinem Zimmer rum. Meistens schläft er aber am Tag und steht erst nachmittags auf. Die Nacht über geht er in die Küche, um etwas zu essen. Ich darf gar nicht in sein Zimmer kommen. Aber ich weiß, dass es dort wie in einer Räuberhöhle aussieht. Er raucht, so dass es durch die Tür stinkt. Seine Finger sind gelb vom vielen Rauchen. Mein Mann und ich und die beiden anderen Kinder rauchen ja nicht. Er wäscht sich kaum noch. Musik hört er nachts, die ganze Nacht. Ich bin oft aufgestanden und habe an der Tür gehorcht. Manchmal höre ich, dass der Lorenz bei ihm ist. Aber manchmal redet er auch, ohne dass einer bei ihm ist. Wenn ich klopfe, macht er nicht auf und beschimpft mich durch die Tür. Noch schlimmer ist es, wenn mein Mann versucht, Kontakt mit ihm zu bekommen. Dann wird er ganz wild. Mein Mann hat ihm anfangs kein Geld gegeben, damit er sich nicht Haschisch kaufen kann. Da hat er …,“ Frau Meier brach in Tränen aus „… da hat er uns bestohlen.“

Entstehung der Psychose

Roland, er war zu der Zeit 18 Jahre alt, hatte eine schizophrene Psychose. Wie ich später erfuhr, waren die ersten Anzeichen in der Kindheit aufgetreten. Schon im Kindergarten fiel er dadurch auf, dass er meistens alleine blieb. In der Grundschule fand er keine Freunde. Später auf dem Gymnasium war es zeitweise besser, aber er klagte manchmal zu Hause darüber, dass die Mitschüler ihn mobbten. Ab der Klasse neun wurden seine schulischen Leistungen schlechter. Bis zur Elf hat er es noch geschafft, dann ging er immer seltener in die Schule, schließlich gar nicht mehr. Seit nun einem ganzen Jahr war er zu Hause, machte den Tag zur Nacht und tat nichts. Mit dem Vater hatte es deswegen fürchterliche Auseinandersetzungen gegeben, ich vermute auch tätliche, aber nichts hatte die Situation verändert.

Behandlung?

Das Problem im Falle von Roland ist, dass er keine Behandlung will, nicht zum Arzt geht. Viele Male habe ich erlebt, dass Eltern bei mir gewesen sind und erzählten, was sie alles versucht haben. Aber wie so oft im Leben braucht man Geduld. Wenn Frau Maier und ihr Mann beharrlich und freundlich ihrem Sohn sagen, dass er zum Arzt gehen muss, wird er es eines Tages tun. Wenn die Geschwister etwas älter sind, können auch sie es ihm sagen. Die Eltern können auch selbst, zunächst mal ohne Roland, zum Arzt gehen und sich informieren, wie eine Behandlung aussehen wird und was sie bewirken kann. Dadurch gewinnen sie eine rationale Haltung zu dem Problem, was sich positiv auch auf Roland auswirken wird.

Oft haben mir dann die Eltern entgegnet, dass sie Roland gar nicht mehr zu Gesicht bekommen. „Er geht ja nur Nachts aus seinem Zimmer“, habe ich dann z. B. gehört. „Und wenn wir ihm etwas sagen, fängt er sofort an zu schreien.“

Das alles ist sicher ein Problem. Die Kommunikation zwischen Roland und den Eltern ist völlig verfahren. Es gibt keine Situation mehr, in der beide Seiten in Ruhe miteinander reden könnten. Die Eltern sind gefangen in Sorge um Roland, Ärger über dessen Ansprüchlichkeit, Angst vor weiterer Eskalation, Hoffnung auf Besserung, Resignation, Schuldgefühlen und Enttäuschung. Roland ist erschreckt über seinen Zustand, sucht die Schuld bei den Eltern, von denen er sich Hilfe erhofft, aber nicht weiß welche, und Hoffnungslosigkeit.

Was kann helfen?

Frau Maier und ihr Mann unterschätzen den Einfluss, den sie auf Roland haben – wie so viele Eltern. Zunächst ist es wichtig, dass sie die Not von Roland sehen. Ja, er drangsaliert die Familie, er ist aggressiv und nicht kooperativ. Dagegen soll sich die Familie zur Wehr setzen. Aber Roland ist auch in einer großen Not, aus der er nicht heraus findet. Das sollen die Eltern auch wissen. Und das Dritte ist, dass es Wege aus dieser Situation heraus gibt, wenigstens so weit, dass der Streit aufhören kann.

Roland ist krank, er ist nicht einfach nur unverschämt. Er braucht Behandlung. Es ist hilfreich, wenn die Eltern einen Arzt oder eine Beratungsstelle oder eine Klinik suchen, wo sie sich selbst gut aufgehoben fühlen und wo sie Roland guten Gewissens hinschicken können. Dort hinzugehen, am besten in Begleitung der Eltern, sollten sie Roland dringend empfehlen, und zwar mit einem festen Vorschlag, wann. Wenn Roland dann nicht mitgeht, sollten sie alleine gehen und das ganze wiederholen. Wenn die Eltern das beharrlich und in Ruhe tun, wird Roland wahrscheinlich sehr bald auch einwilligen. Wenn das nicht geschieht, wird ihnen der Arzt oder die Beratungsstelle oder die Klinik helfen, was sie weiter tun können.

Wenn alles nicht hilft, gibt es die Möglichkeit, das Gesundheitsamt einzuschalten, das Roland zwingen kann, sich einem Arzt vorzustellen. Weiter kann man gegebenenfalls auch eine Betreuung beim Familiengericht erwirken, so dass eine Behandlung erzwungen werden kann. (Das ist zwar durch ein kürzliches Urteil des Bundesgerichtshofes nicht mehr so ohne weiteres möglich, aber es ist ein neues Gesetz in Vorbereitung, das unter besonderen Umständen auch eine Zwangsbehandlung erlaubt.) Aber Zwangsmaßnahmen sind immer die schlechtere Alternative. Man kann es nicht oft genug betonen. Wenn die Eltern wirklich davon überzeugt sind, welcher Weg für sie selbst und Roland gangbar ist, wenn sie selbst Vertrauen zu einem Arzt oder einem Berater gefunden haben, dann kann sich Roland dem auf die Dauer nicht entziehen.

Was ist geworden?

Die Sache hat nicht nur die Geduld der Eltern, sondern auch meine erfordert. Die Eltern haben so angefangen, wie ich es ihnen empfohlen hatte. Aber als es nicht gleich funktionierte, war die alte Haltung wieder da. „Siehst du,“ sagte der Vater von Roland zu seiner Frau „ich habe mir das gleich gedacht. Der ist für keinen guten Rat zugänglich. Alles umsonst. Rausschmeißen sollte man ihn. Dann wird er schon merken, was er tun muss.“

Der Vater kam noch einmal zu mir und ich habe ihm ins Gewissen geredet: „Wenn Sie sich das gleich gedacht haben, dann waren sie eben von Anfang an sehr skeptisch. Sie und Roland brauchen aber die Zuversicht, dass es klappen wird. Sie haben sich entschlossen mit Roland zu einem Psychiater zu gehen. Das hat aber nur einen Sinn, wenn Sie überzeugt sind, dass er Roland helfen kann. Kein Mensch, auch kein Psychiater oder Psychotherapeut kann  bewirken, dass Ihr Sohn von heute auf morgen wieder zur Schule geht, einen Abschluss macht, sich eine Freundin sucht und ein in jeder Hinsicht normales Leben führt. Er wird vielleicht für immer oder auf lange Zeit behindert bleiben und nur teilweise am Leben teilnehmen können und so auf Sie angewiesen bleiben. Damit müssen sie sich so oder so versöhnen. Aber in diesem Rahmen ist Hilfe möglich. Vielleicht ist Ihr Vertrauen zu den Ärzten in dieser Sache nicht besonders groß. Dann sollten Sie sich jemand suchen, zu dem Sie aber auch Roland Vertrauen hat.”

Der Vater hat das eingesehen. Eines Tages kam Roland wirklich mit. Danach war das Eis gebrochen und Roland fand auch einen Therapeuten. Das war der Beginn einer langen Behandlung. Roland hat auch Medikamente, sogenannte Neuroleptika, in niedriger Dosierung genommen. Aber das entscheidende war die Psychotherapie, die von ihm und von der Familie viel Geduld verlangte. Das Ergebnis war zu meinem Erstaunen weit besser, als ich gedacht hatte. Aber das ist eine eigene Geschichte.

Hauptsymptome: Sozialer Rückzug, Vereinsamung, Versagen in Schule oder bei der Arbeit, skurriles Verhalten, evtl. kiffen oder Alkohol, Wahnsymptome, Halluzinationen.  

Behandlung: Beratung, Psychotherapie, Klinik, Medikamente

Unter http://www.familienstuerme.de/psyche/psychose/schrecken.html können Sie die Geschichte von einer jungen Frau lesen, die psychotisch wird. Die Geschichte dort geht nicht gut aus. Aber das ist nicht die Regel.

Beitrag von , letztmals geändert am 16.10.2015, 21:46 Uhr.

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Prof. Dr. med. Frank Matakas
Herausgeber medizinische Beiträge

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