Ich behandele keine Kinder, aber die Geschichte von Ben habe ich von seiner Geburt an mitbekommen, weil seine Mutter meine Patientin ist. Anfangs hat sie Ben mitgebracht, später hat sie mir von ihm erzählt. Es ist jetzt schon etwas her, aber ich erinnere mich noch daran, wie ich Ben als Säugling zum ersten Mal gesehen habe. Er hatte den Kopf voller Schorf. Milchschorf, habe der Kinderarzt gesagt. Später erzählte mir die Mutter bekümmert, dass es Neurodermitis sei.

Leider ist es oft ist es noch viel schlimmer als hier auf dem Bild.
Neurodermitis ist ein Ekzem. Ein Ekzem der Haut verläuft in vier Stadien: Zuerst ist nur eine Hautrötung vorhanden. Als zweites bilden sich Bläschen, die meist jucken und dann platzen, so dass die Oberfläche nässt. Danach verschorft dieses Hautareal. Zuletzt bilden sich Schuppen, die abfallen und die Haut ist wieder gesund.
Es gibt viele Faktoren, die ein solches Ekzem verursachen können. Menschen z. B., die eine Allergie gegen Nickel haben, können ein Ekzem an den Stellen bekommen, an denen Schmuckstücke, die Nickel enthalten, mit der Haut in Berührung kommen. Wird die Berührung mit Nickel vermieden, verschwindet auch das Ekzem.
Das Ekzem bei der Neurodermitis besteht meist lange Zeit, ist also chronisch. Darum überschneiden sich die obengenannten Stadien. Immer wieder entstehen Bläschen usw. Wegen des Juckens kratzen die Betroffenen, was die Haut verletzt. Dadurch und wegen der Nässe und der Krusten siedeln sich Bakterien auf der kranken Haut an, die zu weiterer Schädigung führen können. Es ist aber nicht die ganze Haut betroffen, sondern nur bestimmte Stellen sind befallen. Meist sind es Hautpartien am Kopf, an den Armen und Beinen. Nach einiger Zeit heilen die Herde dann doch ab, aber irgendwann kommen sie ohne erkennbare Ursache wieder. Die eigentliche Ursache der Neurodermitis kennen wir nicht.
Ala Ben 13 Jahre alt war, ist die Neurodermitis verschwunden. Jetzt hat er Heuschnupfen, wie das nicht selten ist.
Nun stirbt man zwar nicht an der Neurodermitis, aber bei Ben war die Krankheit ungewöhnlich stark ausgeprägt. Es war lange ein Martyrium für ihn wegen des quälenden Juckreizes. Die Mutter hat oft in meiner Sprechstunde geweint, wenn sie davon erzählte.
Die Mutter hatte alles versucht. Sie war bei vielen Hautärzten gewesen, die z. T. sehr unterschiedliche Ratschläge gaben. Alles hatte sie aufgegriffen, auch die Vorschläge von anderen Eltern mit einem Kind, das Neurodermitis hatte. Sie hat es auch bei Heilpraktikern versucht, in ihrer Verzweiflung sogar bei einem Heiler, was sie viel Geld gekostet hat. Sie hatte oft den Eindruck, dass das neue Mittel die Krankheit heilen konnte, aber immer zeigte sich, dass der Schein trog. Es war nur eine leichte Schwankung. Wenn aber das Ekzem wirklich zurückging und sie schon jubelte, dann half dieses Mittel, wenn das Ekzem nach ein paar Wochen wieder kam, überhaupt nicht.
“Schließlich habe ich mich doch auf das verlassen, was mir die Ärzte empfohlen haben.” meinte sie. Wie ein Profi zählte sie die Mittel auf.
- Salben mit Harnstoff oder ohne Harnstoff, Salben Wasser in Öl oder Öl in Wasser für die Basispflege, damit die Haut besser geschützt ist,
- verschiedene Cortisonpräparate, die das Ekzem direkt zum abheilen bringen sollen, ebenso die WirkstoffeTacrolismus, Pimecrolismus,
- Medikamente, die auf die Immunabwehr wirken und die man nach Transplantationen anwendet,
- Kleider, die das Wachstum von Bakterien auf der Haut verhindern,
- Taxifolin, dass gegen Bakterienbefall wirkt,
- Gerbstoffe oder zinkhaltige Salben bei nässendem Ekzem und gegen den Juckreiz,
- Nachtkerzenöl, Johanniskrautextrakt, Lichttherapie, Diät usw.
„Keines dieser Mittel hat die Schübe zuverlässig und immer beseitigt, obwohl das meiste auch irgendwie geholfen hat. Ich habe noch zwei dutzend andere Mittel ausprobiert. Wissen Sie, was am Ende am meisten geholfen hat? Komischerweise war es die Einsicht, dass nichts mit Sicherheit helfen würde. Ich habe akzeptiert, dass mein Sohn diese schreckliche Krankheit hat. Ich hätte ihn nie damit alleine gelassen, aber ich habe aufgehört dagegen Sturm zu laufen. Und es war wie ein Wunder. Die Neurodermitis ist damals noch nicht verschwunden, aber es ging Ben doch deutlich besser.
Wir waren bei einem Hautarzt, der wirklich etwas davon versteht, aber obwohl er auch oft hilflos war, hat er nie aufgegeben. Er hat mir Mut gemacht, nicht mehr der Illusion nachzurennen, irgendwas würde „schwupp“ die Krankheit beseitigen. Ich hörte endlich auf, immer zu anderen Ärzten zu rennen. Ich vertraute auf die Dinge, die nützlich waren. Die Basispflege der Haut, die sie sauber und feucht hält. Wenn es Infektionen der kranken Hautpartien gab, wurde mit Antibiotika behandelt. Gegen das Jucken gibt es eine Reihe von Mitteln, bis zum Cortison, die nützlich waren. Wenn es wieder ganz schlimm war, hat er uns mit Ruhe und System so lange beraten, bis Ben Erleichterung hatte.
Wenn Ben diese schrecklichen Juckanfälle hatte, litt ich mit ihm, aber ich konnte ihn besser trösten und ihm eine Hilfe sein, weil ich aufhörte, meine Kraft darein zu setzen, etwas zu ändern, was nicht zu ändern war.“