Wenn ein Patient neu zu mir kommt, dann befrage ich ihn zuerst nach den Krankheiten, die er evtl. früher schon gehabt hat. Vielfach höre ich: „Ich habe Rheuma.“ Dann aber muss ich genauer nachfragen; denn Rheuma werden fast alle Beschwerden genannt, die von den Gelenken ausgehen.

Die entzündeten Gelenke können z. B. die hier gekennzeichneten Finger- und Handgelenke sein.
Alte Leute sprechen oft von Rheuma und meinen damit, dass ihnen die „Knochen weh tun“. Doch weh tun ihnen die Gelenke. Morgens, wenn sie aufstehen oder wenn sie lange gesessen haben, dann schmerzt es sie in der Wirbelsäule, am Knie, an der Hüfte oder in der Schulter. Hierfür sind Verschleißerscheinungen in den Gelenken verantwortlich, besonders in den großen Gelenken, die im Leben stark belastet werden, wie Hüfte, Knie, Schulter.
Das eigentliche Rheuma ist eine entzündliche Erkrankung. Frau Gerne ist ein typisches Beispiel dafür. Sie hat es etwa seit ihrem 28. Lebensjahr. An den Zehen hat sie oft Schmerzen. Besonders in der Nacht, wenn es warm ist, kann sie das Gewicht der Decke auf den Füßen kaum ertragen. Weh tun vor allem die Grundgelenke der Zehen. Später kamen die Fußgelenke und noch später ein Schultergelenk hinzu. Es ist eine typische Polyarthritis. (Arthron ist das griechische Wort für Gelenk und die Endsilbe –itis benutzen die Mediziner um anzuzeigen, dass es sich um eine Entzündung handelt. Arthritis heißt also Gelenkentzündung. Poly bedeutet viele, Polyarthritis ist also ein Entzündung an vielen Gelenken.)
Nun kann eine Entzündung durch viele Faktoren verursacht werden. Es können Bakterien durch Verletzung ins Gelenk gelangen und dort zu einer eitrigen Entzündung führen. Aber das ist selten. Manchmal entsteht die Arthritis als Folge einer anderen Krankheit irgendwo im Körper. Am häufigsten ist die Arthritis, die ohne erkennbare Ursache entsteht, so wie bei Frau Gerne, in der Regel in jüngeren Jahren. Sie befällt die kleinen Gelenke und zwar mehrere, also die Gelenke an den Händen und Füßen. Die Entzündung verrät sich durch Schmerzen, Schwellung und Rötung, wie es für jede Entzündung charakteristisch ist. In den meisten Fällen ist es eine chronische Krankheit, die sich allerdings mal heftiger, mal weniger heftig bemerkbar macht.
Die chronische Entzündung führt im Gelenk zu Veränderungen. Die Gelenkkapsel wird dick, unter Umständen ergießt sich Flüssigkeit ins Gelenk, die Knochenhaut, die den Knochen überall überzieht, wird ebenfalls verdickt, der Knorpel, der die Gelenkflächen überzieht, beschädigt. Das Gelenk tut weh, wenn es bewegt wird, oft aber auch in Ruhe. In extremen Fällen kann es nach langer Zeit schließlich zur Versteifung des befallenen Gelenks kommen.
Bei einer Arthrose ist es umgekehrt. Am Anfang steht ein Verschleiß des Knorpels. Wenn die Flächen, auf denen die Knochenenden bei der Bewegung aneinander reiben, nicht mehr glatt ist, kann es zu Verletzungen kommen. Auf der Basis dieser Verletzung kann sich wiederum eine Entzündungen entwickeln, so wie jede Verletzung eine Entzündung im Gefolge hat. In diesem Fall entsteht die Arthritis also als Folge einer Arthrose.
Die Arthritis, an der Frau Gerne leidet, ist eine Autoimmunkrankheit. Das Immunsystem des Körpers, dessen Aufgabe es ist, fremde Organismen, wie Bakterien und Viren, anzugreifen und zu vernichten, attackiert die Gelenke. Das führt zu einer Entzündung. Warum dies geschieht, wissen wir nicht. Es können auf ähnliche Weise auch andere Organe attackiert werden, wie z. B. Adern, was dann ebenfalls zu einer Entzündung führt. – Frau Gerne ist übrigens auch oft depressiv. Diese Kombination von Arthritis und Depression habe ich schon öfter beobachtet. Aber ob es da Zusammenhänge gibt, dass das eine das andere bedingt, ist unklar.
Gegen die Arthritis gibt es inzwischen eine Vielzahl von Medikamenten: gegen die Schmerzen und gegen die Entzündung. Darum ist der Verlauf heutzutage milder als früher, als die Krankheit nicht selten mit einer Versteifung vieler Gelenke endete. Aber das beste Mittel dagegen ist die Übung. Frau Gerne wandert viel, auch wenn sie dabei mitunter die Zähne zusammenbeißen muss.